Das Bildnis der Minne

Während den Wiederaufbauarbeiten zur Neueröffnung im Oktober 2010 wurden im 2. Obergeschoss des Zunfthauses, im Kleinen Zunftsaal, mittelalterliche Wandmalereireste entdeckt. Sondierungen eines Restaurators zeigten, dass die Malerei eine grössere Fläche belegte und in gutem Zustand war. Auf Veranlassung der kantonalen Denkmalpflege wurde das von mehreren Tüncheschichten überdeckte Bild deshalb freigelegt und konserviert.

Die bemalte Fläche von 250 x 210 cm zeigt Frau Minne, die Herrin der Liebe und Richterin in Liebesangelegenheiten. Sie spielt in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters eine bedeutende Rolle, und es erstaunt daher nicht, dass sie auch bildlich dargestellt wurde. Erhalten haben sich dabei vorwiegend Werke der angewandten Kunst, wie Ofenkacheln, bemalte oder skulptierte Kästchen und Textilien. Wandmalereien mit diesem Thema sind hingegen äusserst selten. Die Kleidermode lässt darauf schliessen, dass das neu entdeckte Wandbild in der Zeit um 1400 entstanden sein dürfte.

Im Bildzentrum sitzt streng frontal die geflügelte und gekrönte Frau Minne. Zwei kauernde Männer dienen ihr als Thron. In der rechten Hand hält die Liebeskönigin einen Pfeil, mit dem sie einem links von ihr knienden Jüngling ins Herz sticht. Der junge Mann billigt dieses Vorgehen, denn er hat bereitwillig sein Wams geöffnet. In ihrer linken Hand präsentiert Frau Minne ein Herz, das sie einem rechts von ihr knienden Jüngling aus der Brust gestochen hat. Das Entsetzen des Mannes über diese Tat ist an seinen emporgehobenen Händen ablesbar. Wahrscheinlich stand zu beiden Seiten der beschrieben Figuren ursprünglich je ein Liebespaar. Vollständig erhalten ist nur dasjenige rechts; ein Mann und eine Frau umarmen sich. Auf der linken Seite ist heute nur noch die Frau zu sehen. An den Bildrändern stand ursprünglich je ein Posaunenbläser. Während derjenige rechts vollständig erhalten ist, ist auf der linken Seite nur noch das Ende einer Posaune sichtbar.